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Widerstandskultur und Gedenkkultur in Deutschland und Österreich

Otto WESTPHAL

Deutschland

Die Widerstandsforschung in den obgenannten Ländern setzte einige unterschiedliche Akzente. In Deutschland entstand eine Widerstandstradition zu der einzelne Gruppen gezählt werden, die sich zum Sturz des Diktators Adolf Hitler und seiner Partei in einem Verschwörerkreis gesammelt haben, der das Attentat vom 20. Juli 1944 vorbereitete. Es gehörten dem Verschwörerkreis Militärpersonen, (Oberst Graf Stauffenberg), Vertreter konservativer Parteien, (Carl Geordeler), Sozialdemokraten (Julius Leber), Gewerkschaftler (Wilhelm Leuschner), sowie Vertreter des sozialreformatorisch orientierten „Kreisauer Kreises", religiöse, katholische und evangelische Kreise, Einzelpersonen und Kleingruppen an. „Linksorientierte" waren eher unterrepräsentiert. Das führte zur Kritik von Intellektuellen in SPD, bei Kommunisten und später, nach ihrer Gründung, bei den Grünen, an der Traditions- und Gedenkpflege der BRD. Es kam zur Berücksichtigung des kommunistischen Widerstandes. Dies hatte Auseinandersetzungen mit Konservativen zufolge. Es gab unterschiedliche Meinungen über die Tätigkeit der „Roten Kapelle" und des „Nationalkomitees Freies Deutschland". Eine zentrale „Gedenkstätte Deutscher Widerstand" befindet sich in Berlin im „Bendlerblock", der Wirkungsstätte von Oberst Graf Stauffenberg. Neben dem Anbringen von Gedenktafeln für die getöteten Offiziere, kam es zur Errichtung einer Gedenk-Bildungsstätte, die über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus informieren soll. Am 20. Juli 1968 kam es zur Eröffnung einer ständigen Ausstellung. Die Ausstellung wurde einige Male erweitert. Seit 1993 betreibt die Gedenkstätte, gemeinsam mit der „Freien Universität Berlin", eine „Forschungsstelle Widerstandsgeschichte".

In München werden die Geschwister Scholl (Weiße Rose) als Vertreter des Studentenwiderstandes besonders geehrt. Sophie Scholl erhält eine Büste in der Walhalla.

In letzter Zeit finden in der internationalen Forschung der Widerstand von Jugendlichen, im Alltag, bei Häftlingen, von Kriegsgefangenen, von Einzelpersonen, politisch motivierte Desertionen sowie auch die Erforschung von Hilfeleistungen an Juden, „Fremdarbeitern" und Kriegsgefangenen besondere Aufmerksamkeit.

Personen, die sich für das Überleben von Juden einsetzten, werden in Israel als „Gerechte" geehrt. Es setzte sich nach Diskussionen ein integrales Widerstandsverständnis durch, das Konservative bis Marxisten im Deutschen Reich und im Exil einbezieht. Die Berücksichtigung des kommunistischen Widerstandes hat sich nach wie vor durchgesetzt, obwohl dieser kein demokratisches Deutschland anstrebte.

Der nationalkonservative Widerstand wollte den Parteienstaat überwinden und knüpfte an ständisch-autoritäre Verfassungsvorbilder an. Erst ab 1943 kam es zur Bildung einer Überparteilichen Volksbewegung, die die Sicherung der Grenzen von 1938 anstrebte. Das hätte den Verbleib Österreichs beim Deutschen Reich bedeutet. Dies stellte eine Illusion dar. Laut „ Moskauer Erklärung" vom November 1943, hatten die Allierten die Wiedererrichtung Österreichs und seine Unabhängigkeit beschlossen.

Österreich

In Österreich erstreckt sich die Widerstandsforschung sowohl auf den Widerstand gegen den Ständestaat als auch gegen die Herrschaft des Nationalsozialismus. Allerdings entwickelte der Widerstand gegen den autoritären Ständestaat nur bei der SPÖ eine Traditionslinie.

Der Widerstand der illegalen Nationalsozialisten könne nicht dem Widerstand der „Linken" gleichgestellt werden, da es sich um einen Konkurrenzfaschismus handle.

Von 1938-1945 richtete sich der Widerstand gegen die NS-Herrschaft.

Wer in Österreich als Widerstandskämpfer anerkannt wird, ist im Opferfürsorgegesetz 1947 (Novellen) geregelt.

Das Gesetz definiert die „Opfer des Kampfes für ein demokratisches Österreich, die um ein unabhängiges, demokratisches und seiner geschichtlichen Aufgabe bewusstes Österreich, insbesondere gegen Ideen und Ziele des Nationalsozialismus, mit der Waffe in der Hand gekämpft oder sich rückhaltlos in Wort und Tat dafür eingesetzt haben".

Die Definition ist etwas eng gefasst. Viele Widerstandsleistende hatten gesamtdeutsche oder europäische Revolutionsvorstellungen, propagierten die Diktatur des Proletariates, strebten ein sozialistisches Slowenien, andere einen Ständestaat oder die Wiedereinführung der Monarchie an. Religiöse Motivationen spielten bei Katholiken wie Franz Jägerstätter, Schwester Restituta oder bei den „Zeugen Jehovas" eine Rolle.

Die Vorweisung von geleistetem Widerstand oder erlittener Verfolgung (laut Moskauer Deklaration) erwiesen sich anlässlich der Verhandlungen zum Staatsvertrag als Vorteil. Österreich wurde als erstes Opfer Hitlerdeutschlands anerkannt, die Mitschuldsklausel wurde gestrichen.

Gründung des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes

Das obgenannte Dokumentationsarchiv wurde zur Erforschung des Österreichischen Widerstandes gegründet. Es ist mit der Pflege der Tradition des „Österreichischen Freiheitskampfes", des Museums Mauthausen sowie der Gedenkstätte in Auschwitz betraut.

Das „DÖW" besitzt Archivbestände, eine Bibliothek, Flugschriften, Periodika, Fotos, Plakate, Zeitungen, Filme, Dias und Museumsgegenstände. Zur Beobachtung von „rechtsextremen" bis „neofaschistischen" Erscheinungen in der österreichischen Gesellschaft dient die Sammlung von einschlägigen Publikationen. Aufstellung über den „Österreichischen Freiheitskampf 1934-1945" und „Österreicher im Exil 1934-1945", sowie dazugehörige Publikationen, dienen der Information. Weitere Forschungsprojekte befassen sich mit dem Widerstand in den Bundesländern, Rechtsextremismus, Widerstand der Vaterländischen Front gegen den Nationalsozialismus und dem Exil der Österreicher 1934-1945. Institute für Zeitgeschichte an den Universitäten erforschen Methoden und Theorieprobleme der Historischen Widerstandsforschung eines spezifisch österreichischen Widerstandes, der ein von Deutschland unabhängiges Österreich anstrebte. Vertreter von Opfergruppen forderten die Errichtung von Gedenkstätten für Juden, Roma, Behinderte und politisch Verfolgte.

Dies ist zum Großteil schon geschehen.

Besonderheiten des

Österreichischen Widerstandes

In Österreich gab es eine komplizierte Widerstandssituation, es war weder ein „Aufstand" gegen die eigene Regierung, noch war die Situation mit der Lage in den besetzten Ländern vergleichbar, wo der Widerstand gegen ein fremdes Unterdrückungsregime gerichtet war. In Österreich lag der Fall dazwischen. Es gab beim Einmarsch der deutschen Truppen großen Jubel. In der „Moskauer Deklaration" des Jahres 1943 wurde festgehalten, Österreich sei das „Erste Opfer einer Agressionspolitik Hitlers" gewesen, die Verpflichtung zu einem eigenen Beitrag zur Befreiung zu leisten, sowie den eigenen autochthonen Nationalsozialismus und Antisemitismus zu berücksichtigen, wurde von Österreich außer Acht gelassen.

Der Wahrheit entspricht die Version, Österreich sei von der deutschen Wehrmacht besetzt worden, viele Österreicher haben den Anschluss begrüßt, einige wurden Täter bei der Unterdrückung eroberter Länder und in Konzentrationslagern.

Nach dem Kriege betonten österreichische Politiker die Opferrolle, auf die Verpflichtung zum eigenen Beitrag zur Befreiung wurde „vergessen". Eine Aufarbeitung der österreichischen NS-Vergangenheit kam zu kurz.

Der österreichische Widerstand hätte zwar identitätstiftend für die Propagierung einer „Österreichischen Nation" wirken sollen, hatte jedoch keinen Einfluss in der Bevölkerung. Heute bekennt man sich als Österreicher aus Gewohnheit sowie zur Distanzwahrung zu den im Krieg begangenen Untaten. Inzwischen ist Österreich von seiner Geschichte eingeholt worden.

In Deutschland bildeten die Widerstandstätigkeiten anlässlich des „20. Juli 1944" eine nationale Tradition. Der Widerstand der Österreicher war von den Kommunisten dominiert, Bürgerliche und Adel waren in der Minderheit. Erst in jüngerer Zeit sind Werke über den adeligen Widerstand erschienen. Er rangiert an zweiter Stelle der Verfolgten.

Der Österreichische Widerstand konnte weder eine Exilregierung bilden, noch eine gemeinsame Widerstandsfront aufbauen. Erst knapp vor dem Ende des Krieges im Jahre 1945 bildeten sich die Widerstandsbewegungen „05" und das „Provisorische Österreichische Nationalkomitee" (POEN).

In Deutschland wurden 1933 (nach dem Reichstagsbrand) erst die „linken" Parteien verfolgt (SPD und KPD), in Österreich 1938 die Vertreter des Ständestaates und des Judentums.

Wegweisend für den kommunistischen Widerstand war das Eintreten für eine „Österreichische Nation" (formuliert von Alfred Klahr). Dies entsprach der Volksfrontstrategie, Abwendung von der „Diktatur des Proletariates" und deren Ersatz durch die Bezeichnung „Volksdemokratie". Der konservative Widerstand der „Österreichischen Freiheitsbewegung" führte die Österreichideologie des Ständestaates, eingebettet in ein gesamtdeutsches Volksbewusstsein, weiter. Der Legitimist Ernst Karl Winter legte seine Version einer „Österreichischen Nation" vor.

Die Sozialdemokratie konnte lange Zeit mit der „Österreichideologie" der beiden vorgenannten Gruppen nichts anfangen. Führende Männer der Partei, Karl Renner und Otto Bauer, waren weiterhin deutschnational eingestellt.

Männer aus dem Verschwörerkreis des „20. Juli 1944", Carl Goerdeler, Wilhelm Leuschner und Jakob Kaiser nahmen Kontakte mit christlichsozialen und sozialdemokratischen Österreichern auf, (Weinberger, Hurdes, Schärf und Seitz), sie versuchten sie zum Weiterverbleib im Deutschen Reich zu überreden. Nach den Versionen von Schärf und Weinberger wurde dies abgelehnt.

Die Entscheidung über die Zukunft Österreichs fiel im November 1943 bei der „Moskauer Konferenz".

Der 20. Juli 1944 in Wien

Im Wehrkreis XVII in Wien gelang es zwar, die höheren NS-Funktionäre im Rahmen der Aktion „Walküre" festzunehmen, nach dem Scheitern des Attentates mussten sie wieder freigelassen werden. Die verantwortlichen Offiziere für die Auslösung von „Walküre" wurden zur Verantwortung gezogen. Der Versuch der Offiziere aus dem Kreis um Major Szokoll Wien kampflos der „Roten Armee" zu überlassen, wurde verraten, drei Beteiligte wurden gehenkt.

Schlussbetrachtung

Durch die Linkslastigkeit des österreichischen Widerstandes war dessen Akzeptanz in der Bevölkerung nur gering. Die Kommunisten waren während der Besatzungszeit (1945-1955) von Moskau sehr abhängig und daher diskreditiert.

Die Bedeutung der in alliierten Armeen kämpfenden Österreicher war gering. Im Exil erfolgreich wirkende Künstler und Wissenschaftler werden, oft erst nach ihrem Ableben, in Österreich als Landsleute wahrgenommen und geehrt.

In der letzten Zeit richten sich Schwerpunkte der Forschung auf Verfolgte, Juden, Roma, Behinderte, „Fremdarbeiter", KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und auf deren Entschädigung.

 1 Hans Mommsen; Widerstand und politische Kultur in Deutschland und Österreich, Wien 1994, S 21
 2 Lexikon des Widerstandes 1933-1945; Hg. Peter Steinbach und Johannes Tuschel, München 1994, S61f
 3 Hans Mommsen, -S13
 4 Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung; Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, Wien 1982, S 30.
 5 Walter Grab, Wolfgang Neugebauer; Österreichische Freiheits- und Widerstandskämpfer, Wien 1996, S 46.
 6 Ernst Hanisch, Gab es einen österreichischen Widerstand? in: Widerstand, Hg. Peter Steinbach, Köln 1987, S165
 7 Die moderne Nation entsteht in einem Prozeß, in welchem die Trägerschichten des modernen Nationalbewusstseins die Bevölkerung überzeugen, dass die Loyalität zu einer gewissen Nation geeignet ist, gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme zu lösen. Ernst Bruckmüller; Nation Österreich, 2. ergänzte und erweiterte Auflage, Wien, Köln, Graz 1996, S. 33
 8 Gundula Walterskirchen; Blaues Blut für Österreich, Wien, München 200
Lit.: Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung; Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, Wien 1982 Walter Grab, Wolfgang Neugebauer; Österreichische Freiheits- und Widerstandskämpfer, Wien 1994
Radomir Luza; Der Widerstand in Österreich 1938-1945, Wien 1985 Hans Mommsen; Widerstand und politische Kultur in Deutschland und Österreich, Wien 1994
Ernst Hanisch; Gab es einen spezifischen österreichischen Widerstand? in:Widerstand, Hg. Peter Steinbach, Köln 1987

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